Der strukturelle Wandel im globalen Commerce

Der globale Handel befindet sich an einem historischen Wendepunkt. Nach zwei Jahrzehnten digitaler Transformation – von klassischem E‑Commerce über Mobile Commerce bis hin zu datengetriebenen Recommendation Engines – entsteht nun ein neues Paradigma: Agentic Commerce. Dieser Ansatz verschiebt die Wertschöpfungslogik grundlegend, indem autonome KI‑Agenten die Rolle aktiver Entscheidungsträger im Kaufprozess einnehmen. Sie agieren nicht länger nur unterstützend, sondern orchestrieren End-to-End-Prozesse eigenständig. Diese strukturelle Veränderung wird von drei makroökonomischen Kräften getrieben: der breiten Akzeptanz generativer KI, der technologischen Reife autonom agierender Modelle und der zunehmenden Standardisierung von Schnittstellen, Protokollen und Zugriffsmechanismen.

Abbildung 1: Wachstum des globalen E-Commerce-Marktes und des Agentic-Commerce-Potenzials bis 2030 (FOSTEC Research; commercetools, 2025)

Prognosen für das Marktpotenzial unterstreichen die Tragweite dieses Wandels: Bis 2030 könnte Agentic Commerce ein globales Volumen von über 3–5 Billionen USD erreichen, was 31 Prozent des Online-Handels ausmachen wird. Abbildung 1 zeigt eindrucksvoll, dass nicht nur der globale E-Commerce-Markt weiter wächst (CAGR 6,9 %), sondern dass sich parallel ein eigenständiges Hochdynamik-Segment formt: Agentic Commerce skaliert von einem heute noch marginalen Markt auf mehr als 2,5 Billionen EUR – mit über 400 % CAGR. Diese exponentielle Kurve markiert eine strukturelle Verlagerung der Wertschöpfung hin zu KI-gesteuerten Kaufprozessen.

Gleichzeitig verändert sich das Konsumentenverhalten rapide: Bis 2030 werden über 75 % aller Kaufentscheidungen KI-beeinflusst sein. Schon heute nutzen mehr als 1 Milliarde Menschen täglich generative AI-Tools wie Gemini, ChatGPT oder Perplexity – ein klarer Indikator dafür, dass KI-Agenten in den Kaufprozess hineinwachsen und diesen zunehmend dominieren.

Für Unternehmen entsteht daraus eine signifikante Early-Mover-Opportunity: Wer frühzeitig agentische Schnittstellen, Datenstrukturen und Prozesse etabliert, kann sich einen überproportionalen Anteil AI-getriebener Transaktionen sichern. Unternehmen, die die in Abbildung 1 gezeigte Entwicklung strategisch antizipieren, realisieren somit nicht nur bessere Conversion-Raten und geringere Cost-to-Serve, sondern sichern sich langfristig Relevanz in einem Markt, der sich radikal in Richtung autonomer, KI-orchestrierter Kaufentscheidungen verschiebt.

Wie sich die Customer Journey neu organisiert – Von SEO und Inbound zu Intent-Driven Commerce

Abbildung 2: Agentic Commerce Customer Journey

Agentic Commerce markiert das Ende traditioneller Customer Journeys, die auf Suchverhalten, manueller Navigation, Vergleichslogiken und bewussten Kaufentscheidungen basieren. Die in der Abbildung gezeigte neue Journey verdeutlicht den Paradigmenwechsel: Anstelle eines sequenziellen Funnels – „Traffic – Awareness – Consideration – Selection“ – übernimmt ein autonomer KI-Agent die vollständige Orchestrierung. Der Nutzer formuliert lediglich seine Intention, etwa „Kaufe regelmäßig Bio-Kaffee“ oder „Finde eine wetterfeste Arbeitsjacke unter 150 Euro“, und der Agent steuert sämtliche Schritte – von der Bedarfserkennung über die Produktrecherche bis zur Transaktion und After-Sales-Interaktion.

Gleichzeitig verschiebt sich die Logik der Sichtbarkeit fundamental. Im klassischen E-Commerce entsteht Nachfrage durch SEO, SEA, Content-Marketing und Retargeting, die den Nutzer in den Funnel ziehen sollen. Die neue Journey setzt genau dort an: In einer agentischen Welt interagieren KI-Agenten nicht mit Werbebannern, organischem Ranking oder visuellen Stimuli, sondern ausschließlich mit strukturierten Produktinformationen und logischen Parametern. Abbildung 2 zeigt dies explizit: Jede Phase – von Inbound Traffic bis Loyalty – wird datengetrieben, regelbasiert und ohne menschlichen Input vom Agenten ausgeführt. Sichtbarkeit entsteht somit nicht mehr durch Traffic, Kampagnen und ästhetische Gestaltung, sondern durch Datenqualität, semantische Klarheit, produktlogische Konsistenz und die Fähigkeit, agentenoptimierte Kataloge bereitzustellen.

Die Konsequenzen für Marken sind erheblich: Die Kontrolle über die frühen Kontaktpunkte geht verloren, weil der Agent als Filter und Entscheidungsträger die Rolle des Konsumenten übernimmt. Differenzierung entsteht daher weniger über Branding und Storytelling, sondern primär über Produktrelevanz, Preisattraktivität, Lieferfähigkeit und die technische Lesbarkeit der Produktdaten. Die neue Customer Journey zeigt damit nicht nur einen Prozesswandel, sondern eine strukturelle Neuordnung der Kräfteverhältnisse zwischen Konsumenten, Marken und Plattformen.

Model Context Protocol (MCP) – Die Grundlage für Agentic Commerce

Das Model Context Protocol (MCP) spielt eine Schlüsselrolle in der Entstehung agentischer Commerce-Ökosysteme, da es erstmals einen globalen Standard schafft, über den KI-Agenten mit Tools, Plattformen und Transaktionssystemen nicht nur kommunizieren, sondern auch zuverlässig handeln können. In traditionellen E-Commerce-Architekturen existiert kein gemeinsamer Kontextlayer, der Nutzerintentionen, Systemregeln und Transaktionslogiken konsistent miteinander verbindet.

Abbildung 3: Model Context Protocol (MCP)

MCP schließt genau diese Lücke: Es übersetzt die Instruktionen eines Large Language Models in ein strukturiertes, maschinenlesbares Format, das externe Systeme eindeutig interpretieren können – und ermöglicht dadurch echte End-to-End-Automatisierung. Die Abbildung 3 zeigt diesen Ablauf klar: Während die LLM-Orchestrierung die Nutzerintention in ausführbare Schritte zerlegt, transformiert MCP diese Schritte in standardisierte Protokolle und macht sie für APIs, Buchungs- und Zahlungssysteme unmittelbar umsetzbar. Erst diese Übersetzungsschicht ermöglicht, dass ein KI-Agent autonom Preise prüft, Verfügbarkeiten abfragt, Buchungen auslöst oder Bestellungen durchführt.

Für den Handel bedeutet dies einen fundamentalen Shift: Produkte, Services, Preise und Lieferinformationen müssen so strukturiert, versioniert und API-fähig bereitgestellt werden, dass Agenten sie in Echtzeit verarbeiten können. Gleichzeitig wird deutlich, dass MCP zwar die technische „Grammatik“ agentischer Systeme bereitstellt, aber allein nicht ausreicht, um vollwertigen Agentic Commerce zu realisieren. Unternehmen benötigen darüber hinaus moderne MACH-Architekturen, konsistente Datenmodelle, klare interne Verantwortlichkeiten und resilienten Governance-Rahmen, damit agentische Workflows skalierbar, sicher und zuverlässig funktionieren. MCP bildet somit den zentralen Enabler – doch erst durch tiefgreifende technische und organisatorische Veränderungen wird es möglich, Agentic Commerce operativ im Handel zu verankern und wettbewerbsfähig auszuschöpfen.

Was Unternehmen jetzt für Agentic Commerce benötigen

Die Einführung von Agentic Commerce erfordert, dass Unternehmen ihr technisches, datenbezogenes und organisatorisches Fundament konsequent weiterentwickeln. Die in Abbildung 4 dargestellten Kategorien zeigen die vier Bereiche, in denen Voraussetzungen geschaffen werden müssen.

Erstens braucht es eine „agentenfähige“ Datenbasis: Nur vollständig strukturierte, standardisierte und kontextreiche Produktdaten – von GTIN über Attribute bis zu Lieferzeiten – ermöglichen es KI-Agenten, Produkte korrekt zu identifizieren, zu vergleichen und als valide Option zu berücksichtigen. Fehlende oder inkonsistente Daten führen in agentischen Umgebungen unmittelbar zu Sichtbarkeitsverlusten.

Zweitens müssen Systemzugang und technische Erreichbarkeit sichergestellt werden. Dazu gehört, dass Katalog-, Preis- und Bestandsdaten über APIs und Feeds in Echtzeit abrufbar sind und dass Integrationen wie MCP den Austausch zwischen Agenten und Commerce-Systemen ermöglichen. Plattformen wie ChatGPT, Perplexity oder Google AI Mode greifen dann direkt auf diese Daten zu – was eine moderne, MACH-basierte Architektur zur Voraussetzung macht.

Drittens ist Vertrauen und Governance entscheidend, um agentische Prozesse sicher zu betreiben. Unternehmen benötigen klare Leitplanken für Kaufprozesse, Freigaben oder Rückgaben sowie ein zentrales Monitoring, das Aktivitäten, Kosten und potenzielle Fehlverhalten von Agenten sichtbar macht. Nur so lassen sich Risiken kontrollieren und Compliance sicherstellen.

Viertens erfordert Agentic Commerce einen organisatorischen Wandel. Cross-funktionale Teams müssen gemeinsam neue Betriebsmodelle entwickeln; Pilotprojekte mit klaren KPIs ermöglichen schnelle Lernzyklen; und Prozesse sowie Verantwortlichkeiten sind so anzupassen, dass agentische Workflows skalierbar betrieben werden können. Für Unternehmen im E-Commerce entsteht damit ein neuer Wettbewerbsfaktor: Datenqualität, technische Offenheit und organisatorische Anpassungsfähigkeit entscheiden künftig darüber, ob Agentic Commerce zum Wachstumshebel wird.

Konkrete Use Cases die mit Agentic Commerce möglich werden

Agentic Commerce eröffnet ein breites Spektrum an Use Cases, die sich sowohl im B2C- als auch im B2B-Umfeld fundamental von bisherigen digitalen Interaktionen unterscheiden. Im B2C-Bereich steht vor allem die Customer Experience im Fokus: Agenten übernehmen Replenishment-Aufgaben („Buy for me“), agieren als persönlicher Stil- und Bedarfsberater, orchestrieren conversational Checkouts in Chat-basierten Interfaces und steuern After-Sales-Prozesse wie Retouren, Garantieabwicklungen oder Lieferstatusanfragen autonom.

Im B2B-Markt hingegen rücken Umsatzsicherung und Effizienzgewinne in den Vordergrund: Agenten übernehmen MRO-Bestellungen, prüfen Rahmenverträge, legen Warenkörbe an und holen Freigaben ein; agentische Preis- und Lieferverhandlungen zwischen Unternehmen entwickeln sich zu einem ernstzunehmenden Forschungs- und Pilotfeld; und Vertriebsorganisationen nutzen KI-gestützte Playbooks, um Besuchsplanung, Sortimentslücken oder Promotion-Empfehlungen datengetrieben vorzubereiten. Diese Use Cases zeigen, dass Agentic Commerce kein einzelner Prozess ist, sondern ein neues Betriebsmodell entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Abbildung 5: ChatGPT als vollwertiger Shopping-Assistent (OpenAI, 2025)

Wie weit dieser Wandel bereits fortgeschritten ist, verdeutlichen aktuelle Praxisbeispiele. Das in der Abbildung 5 gezeigte ChatGPT-Shopping-Erlebnis demonstriert erstmals einen vollständig autonom orchestrierten Kaufprozess: Von der Bedarfsermittlung („Finde ein Geschenk…“) über Produktrecherche, Bewertung und Preistransparenz bis hin zum Checkout und der Zahlungsabwicklung läuft der gesamte Commerce-Flow innerhalb eines Agenten – ohne, dass der Nutzer eine Website aufrufen muss.

Ähnliche Konzepte entstehen parallel bei führenden Plattformen:

  • Amazon Rufus: beantwortet Einkaufsfragen, vergleicht Kategorien und hilft beim Entscheiden – direkt in der Amazon-App
  • Check24 AI Assistent Sophie: beantwortet Fragen, vergleicht Tarife und Angebote und hilft beim Entscheiden – direkt in der Check24-App
  • Perplexity + PayPal: Kauf, Tickets & Reisen direkt im Chat bezahlen (PayPal/Venmo)
  • Google AI Mode: Beschreibe dein Kauf-Szenario und Google schlägt passende Produkte vor. Ausgebaut mit Features wie Price Tracker und einem virtuellen Anprobier Service (“try-it-on”) für Fashion Artikel

Jede dieser Lösungen demonstriert, wie sich Nutzerinteraktionen vom klassischen Browsing hin zu dialog- und intentbasierten agentischen Kaufprozessen verlagern.

Was bleibt: Die Kernbotschaften des Agentic-Commerce-Wandels

Agentic Commerce ist keine Zukunftsvision, sondern ein sich rasant entwickeltes Marktmodell. Unternehmen sollten daher früh die Grundlagen schaffen, damit KI-Agenten überhaupt mit ihren Systemen interagieren können – von strukturiertem, crawlbarem Content über klare Zugriffswege bis zu sauberen Tech-SEO-Standards. Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit Protokollen wie dem Model Context Protocol und die Entscheidung, welche Daten, Inhalte und Prozesse Agenten zur Verfügung stehen sollen. Der zentrale Hebel bleibt jedoch die Data-Readiness: Nur Unternehmen, die vollständige und konsistente Daten bereitstellen, bleiben in agentischen Ökosystemen sichtbar und wettbewerbsfähig.

Wenn Sie besser verstehen möchten, wie agentisch Ihr Unternehmen heute bereits aufgestellt ist – und welche Potenziale, Lücken und konkreten nächsten Schritte sich daraus ergeben –, unterstützen wir Sie gerne mit einer fundierten Agentic-Commerce-Diagnose. Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch.

Ihr Ansprechpartner

Markus Fost, MBA, ist Experte für E-Commerce, Online Geschäftsmodelle und Digitale Transformation mit einer breiten Erfahrung in den Feldern Strategie, Organisation, Corporate Finance und der operativen Restrukturierung.

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Markus Fost

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