Kontext und strategische Relevanz

Der europäische E-Commerce wächst trotz zurückhaltendem Konsumklima stabil weiter. Die Wachstumslogik hat sich dabei grundlegend verändert. Über den Ausgang entscheidet weniger die Nachfrage selbst als die Fähigkeit, Künstliche Intelligenz als zusammenhängendes Betriebssystem des eigenen Commerce-Geschäfts einzusetzen.

Die Datenebene bildet dabei das Fundament, denn Produktsuche und Kaufanbahnung verlagern sich in KI-Interfaces, in denen autonome Agenten vergleichen, Warenkörbe zusammenstellen und Wiederkäufe auslösen. Ob ein Angebot in dieser Vorauswahl erscheint, entscheiden Struktur, Vollständigkeit und maschinelle Lesbarkeit der Produktinformation. Auf dieser Grundlage entstehen anschließend fünf Anwendungsfelder:

  • Im Content-Bereich ermöglichen KI-Systeme eine Skalierung von Erstellung, Lokalisierung und Testing bei sinkenden Grenzkosten.
  • Pricing entwickelt sich zunehmend zu einer modellbasierten Disziplin, in der Wettbewerbsniveaus, Bestände und Nachfrageelastizitäten fortlaufend ausgewertet werden.
  • Entlang der Customer Journey übernehmen KI-gestützte Systeme immer größere Teile von Beratung, Service und Personalisierung.
  • Datengetriebene Prognosemodelle verbessern die Entscheidungsqualität in Planung, Sortiment und Wertschöpfungskette.
  • In der operativen Steuerung werden Werbebudgets, Verfügbarkeiten und Arbeitsabläufe zunehmend autonom optimiert.

Wachstum und Effizienz beruhen damit auf derselben technologischen Basis. Automatisierte Workflows senken die Kosten der Leistungserbringung, während dieselben Daten und Modelle die Position in der algorithmischen Vorauswahl bestimmen, weshalb beide Hebel nicht länger getrennt betrachtet werden können.

 

Marktbefund und Problemanalyse

Künstliche Intelligenz liefert bereits in einfachen Einsatzformen belastbare Effizienzgewinne. Automatisierte Texterstellung, KI-gestützter Kundenservice und maschinelles Reporting senken die Kosten je Vorgang und verkürzen Durchlaufzeiten. Diese Wirkung ist messbar und rechtfertigt die Investition für sich. Sie bleibt allerdings replizierbar, weil Wettbewerber auf dieselben Werkzeuge zugreifen. Aus einem reinen Effizienzprogramm entsteht deshalb Kostenparität und keine Verschiebung der Marktposition. Effizienz ist damit notwendig, für Wachstum aber nicht ausreichend.

Sichtbarkeit in der maschinellen Vorauswahl

Agenten übernehmen zunehmend den direkten Kontakt zum Kunden, wodurch eigene Berührungspunkte wie Produktseite, Beratung oder Newsletter an Reichweite verlieren. Die Marktposition entscheidet sich damit zukünftig in der maschinellen Vorauswahl. Angebote ohne vollständige Produktdaten, belastbare Taxonomien und überprüfbare Trust-Signale werden aussortiert, bevor ein Kunde oder sein Agent die Produktseite erreicht.

Abbildung 1: Marktchancen des KI-gesteuerten Handels – Agentic Commerce GMV bis 2030 (FOSTEC Research, commercetools 2026)

 

Da dieser Ausschluss vor dem Erstkontakt erfolgt, bleiben die eigenen Kennzahlen zunächst unauffällig, denn Konversionsrate und Kampagnenleistung erfassen ausschließlich die Kunden, die das Angebot erreichen. Sichtbar wird der Effekt erst als Volumen- oder Marktanteilsverlust, sobald die betroffenen Kaufzyklen durchgelaufen sind.

Steuerbar bleibt für die Marke, wie präzise sie sich für Agenten positioniert. Grundlage sind korrekte, vollständige und strukturierte Produktdaten, denn sie bilden die Entscheidungsbasis der automatisierten Auswahl. Die erreichte Effizienz zahlt sich hier unmittelbar aus, weil KI-gestützte Werkzeuge Pflege, Anreicherung und Lokalisierung dieser Daten überhaupt in der erforderlichen Frequenz ermöglichen. Ergänzend liefern Market-Intelligence-Werkzeuge die Frühindikatoren, um veränderte Nachfrage, Preisbewegungen und neue Suchmuster zeitnah zu erkennen und die eigenen Produktdaten darauf auszurichten.

 

Ursachen ausbleibender Ergebniswirkung

In der Praxis gelingt das benannte Zusammenspiel selten, und die Gründe liegen weniger in der Technologie als in der Art der Einführung. Eine geringe KI-Fluency begrenzt die Anwendung auf einzelne Rollen, wodurch Datenpflege, Content-Produktion und Marktbeobachtung nebeneinander laufen, ohne aufeinander bezogen zu sein. Produktdaten liegen zudem häufig in getrennten Systemen und in der Verantwortung unterschiedlicher Bereiche, während Market-Intelligence-Daten als periodische Momentaufnahmen vorliegen und damit für Preis- und Sortimentsentscheidungen in kurzen Zyklen zu alt sind. Fragmentierte Piloten binden darüber hinaus Kapital ohne Skalierungspfad, weil eine belastbare Priorisierungslogik für wirtschaftlich relevante Anwendungsfälle fehlt. Verstärkend wirkt die Lücke zwischen der Vision auf Führungsebene und der operativen Umsetzung, die sich weder durch Technologie noch durch Budget schließen lässt. Im Ergebnis sichern solche Programme die erreichten Kostenvorteile, lassen die Positionierung gegenüber Agenten jedoch offen.

 

Handlungsimplikationen für Entscheidungsträger

KI-Programme, die auf die reine Effizienzsteigerung beschränkt bleiben, verursachen zwei Arten von Opportunitätskosten. Zum einen wird Kapital in Initiativen gebunden, die zwar messbare Einsparungen erzielen, die Wettbewerbsposition jedoch nicht stärken. Der wirtschaftliche Nutzen bleibt dadurch hinter den strategischen Erwartungen zurück. Zum anderen entsteht ein Zeitnachteil, denn Produktdatenqualität, Datenarchitekturen und organisatorische Kompetenzen lassen sich nicht kurzfristig aufbauen. Unternehmen, die diese Grundlagen erst später entwickeln, treten gegen Wettbewerber an, die bereits über belastbare Datenbestände, etablierte Steuerungsmechanismen und operative Erfahrung verfügen und deren kontinuierlich Vorsprung wächst, da jede Nutzung produktiver Daten die Qualität nachfolgender Entscheidungen verbessert und damit die Grundlage für weitere Leistungssteigerungen schafft.

 

Vier Voraussetzungen für Ergebniswirkung

Datenstandard. Der Ansatzpunkt liegt in den grundlegenden Voraussetzungen zur Reduzierung beider Kostenarten. Im Mittelpunkt steht die Qualität der Produkt- und Marktdaten, da sie maßgeblich über die Sichtbarkeit in der maschinellen Vorauswahl entscheidet. Voraussetzung hierfür ist ein verbindlicher Datenstandard, der Vollständigkeit, Konsistenz und Nachvollziehbarkeit sicherstellt und gleichzeitig die kontinuierliche Aktualisierung relevanter Informationen gewährleistet.

Governance. Governance-Regelungen bilden die Grundlage für die dauerhafte Verankerung dieses Standards, da sie Verantwortlichkeiten, Entscheidungsprozesse und Erfolgskriterien verbindlich festlegen. Neben klaren Zuständigkeiten für Datenmodelle und Preislogiken sind insbesondere eindeutige Maßstäbe erforderlich, anhand derer der Beitrag einzelner Anwendungsfälle bewertet werden kann. Ohne einen solchen Rahmen bleiben Fortschritte häufig auf einzelne Initiativen beschränkt, wodurch die beschriebene Kapitalbindung fortbesteht.

KI-Verständnis. Ebenso entscheidend für den Umsetzungserfolg ist das KI-Verständnis innerhalb der Organisation, da es die Reichweite und Wirksamkeit aller Maßnahmen bestimmt. Während die Fachbereiche über die notwendige Anwendungssicherheit verfügen müssen, benötigt die Führungsebene die Fähigkeit, Wertbeiträge und Prioritäten eigenständig zu beurteilen. Fehlt diese Urteilskompetenz, orientiert sich die Auswahl von Anwendungsfällen häufig an der Verfügbarkeit einzelner Werkzeuge anstatt an ihrem wirtschaftlichen Potenzial, wodurch bestehende Zeitnachteile zusätzlich verstärkt werden.

Tool-Architektur und Prozesse. Eine zentrale Verbindungsfunktion übernehmen eine unternehmensspezifische Tool-Auswahl, die zugehörige Architektur und die relevanten Prozesse. Sie führen Regelungen, interne Vorgaben, Zielgrößen und Datenbestände zu einem gemeinsamen Rahmen zusammen und legen fest, welches Werkzeug auf welche Daten zugreift und an welcher Zielgröße sein Beitrag gemessen wird. Ausschlaggebend sind dabei sowohl der Integrationsgrad der eingesetzten Modelle in die relevanten Systeme als auch die Rückführung ihrer Ergebnisse in operative Prozesse.

 

Beratungsansatz und Leistungsportfolio

Die Umsetzung beginnt mit der Entwicklung einer KI-Strategie, die als Orientierungsrahmen für das anschließende Transformationsprogramm dient. Grundlage sind eine klare Zielsetzung, eine strategische Roadmap zur Bewertung der bestehenden KI-Reife und der Identifikation der Faktoren, die eine Skalierung bislang begrenzen. Hinzu kommt die Überprüfung von Datenverfügbarkeit, Verantwortungsstrukturen und organisatorische Fähigkeiten, welche die Handlungsfelder mit dem größten Wertpotenzial bestimmen.

Abbildung 2: Bewertung von AI Readiness entland 6 Dimensionen

 

Gleichzeitig fließen die grundlegenden Veränderungen im E-Commerce in die strategische Ausrichtung ein. Insbesondere Agentic Commerce verändert die Mechanismen von Sichtbarkeit, Kaufanbahnung und Wettbewerb und erhöht die Anforderungen an Datenqualität, maschinelle Lesbarkeit und digitale Präsenz. Für viele Hersteller besitzt dabei Amazon eine besondere Relevanz, da neue Auswahl- und Empfehlungsmechanismen dort häufig zuerst wirksam werden.

Aus der Verbindung von Reifegradanalyse, Marktverständnis und Wertpotenzialen entsteht ein Zielbild mit priorisierten Anwendungsfällen, definierten Wertbeiträgen und klaren Umsetzungshorizonten. Die Planung verbindet kurzfristige Ergebnisziele für die kommenden Monate mit einer langfristigen Perspektive auf Kanalmix, Preispositionierung und Marktanteile über mehrere Jahre. Dadurch wird sichergestellt, dass operative Maßnahmen die angestrebte Marktposition unterstützen.

Die Überführung in ein Transformationsprogramm schafft die Verbindung zwischen strategischem Zielbild und operativer Realisierung. Die Priorisierung der Maßnahmen erfolgt nach Wertbeitrag, Umsetzbarkeit und strategischer Relevanz. Klare Verantwortlichkeiten, Ressourcen und Erfolgskennzahlen gewährleisten eine transparente Steuerung, während spezialisierte Teams priorisierte Anwendungsfälle in messbare Ergebnisbeiträge überführen. Parallel dazu verankert der gezielte Kompetenzaufbau neue Arbeitsweisen in den Fachbereichen. Die Integration von Standards, Verantwortlichkeiten und Steuerungsmechanismen in den Regelbetrieb stellt schließlich sicher, dass die erreichten Verbesserungen dauerhaft wirksam bleiben.

Abbildung 3: Transformatives Projektmanagement mit FOSTEC & Company

 

Fazit

Wachstum im E-Commerce entsteht künftig sowohl durch Effizienz als auch durch Sichtbarkeit in KI-gestützten Auswahlmechanismen. Während Effizienz die Kostenbasis verbessert, entscheiden Datenqualität, Preislogik und digitale Präsenz über den Zugang zur Nachfrage.

FOSTEC & Company unterstützt bei der Formulierung der KI-Strategie und bei deren Umsetzung im Transformationsprogramm. Vertiefte Insights zu den genannten Themen liefern die kommenden F&C NET Events, jeweils begrenzt auf acht Teilnehmer im praxisnahen Erfahrungsaustausch.

  • Amazon Next-Level Playbook 2027, 22.10.2026: KI verändert zunehmend die Mechanismen von Produktauswahl, Sichtbarkeit und Kaufentscheidung auf Amazon. Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen von Rufus und Alexa for Shopping, die Bedeutung von Share of Recommendation als neuer Erfolgskennzahl sowie die Konsequenzen für Content, Retail Media und Pricing in einem Umfeld agentisch unterstützter Kaufentscheidungen.
  • Agentic Commerce 2.0, 11.11.2026: Mit dem Übergang zum Web of Agents verschieben sich Kundenzugang, Sichtbarkeit und Wertschöpfung. Im Fokus stehen die Anforderungen an Agent Readiness und Agent Engine Optimization, die technologische Infrastruktur des agentischen Handels sowie die strategische Positionierung von Unternehmen als Orchestrator, Teilnehmer oder Zulieferer.
  • E-Commerce Growth & Efficiency Agenda 2027, 03.12.2026: Die Wettbewerbsdynamik im europäischen E-Commerce wird zunehmend durch KI geprägt. Das Event analysiert die zentralen Marktverschiebungen, den Weg von isolierten KI-Initiativen zu skalierbaren Betriebssystemen sowie die Hebel, mit denen Unternehmen Wachstum, Produktivität, Wertschöpfungskette und Profitabilität nachhaltig verbessern können.
  • The AI Value Ladder, 27.01.2027: Trotz hoher Investitionen bleibt die Skalierung von KI in vielen Unternehmen hinter den Erwartungen zurück. Im Mittelpunkt stehen die vier Reifestufen der KI-Transformation, die Ursachen ausbleibender Ergebniswirkungen sowie die Rolle von Governance, AI Visibility und Generative Commerce für die Realisierung nachhaltiger Wettbewerbsvorteile.

Alle Termine und die Anmeldung finden sich unter https://www.fostec.com/de/events/. Für weitere Informationen und eine die Einordnung der eigenen Ausgangslage steht Markus Fost (Managing Partner bei FOSTEC & Company) Ihnen gerne zur Verfügung

Ihr Ansprechpartner

Markus Fost, MBA, ist Experte für E-Commerce, Online Geschäftsmodelle und Digitale Transformation mit einer breiten Erfahrung in den Feldern Strategie, Organisation, Corporate Finance und der operativen Restrukturierung.

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Markus Fost

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Markus Fost, MBA, ist Experte für E-Commerce, Online Geschäftsmodelle und Digitale Transformation mit einer breiten Erfahrung in den Feldern Strategie, Organisation, Corporate Finance und der operativen Restrukturierung.

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